Der Engadiner Herbst

Der Schöne und der Melancholische

Der Schöne
und der Melancholische

Unter den vier Geschwistern der Jahreszeiten ist er der Erhabenste und Leuchtendste, aber auch der Vergänglichste. Seine Schönheit ist melancholisch, sein Gold ebenso kräftig wie kurzlebig. Die Rede ist vom Engadiner Herbst.

Wenn der Sommer ausblüht in unserem Hochtal, verfärbt sich die Landschaft – sie fängt an, ebenso zu scheinen und strahlen wie die Sonne, bis sie langsam ausbleicht. Während der laute Winter die Hochsaison ist, kommen im Herbst die langsamen Geniesser auf ihre Touren. Und zwar wörtlich: Nie sind ausgedehnte Wanderungen so schön wie an einem goldenen Herbsttag. Genau so herrlich ist es, das sich verfärbende Hochtal bikend zu erkundigen. Gönnen Sie sich abends einen Teller mit einheimischen Wildspezialitäten und dazu ein Glas Rotwein aus der Bündner Herrschaft.  Und am Abend? Wenn’s dunkel ist, genehmigen Sie sich am besten einen Drink in einer schönen Bar oder lesen. Zum Beispiel, wie der Philosoph und Wahlengadiner Friedrich Nietzsche die schönste Jahreszeit beschreibt:

Der Herbst

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
Und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh –
Er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
O Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
Die Nacht,
Daß eisiger Schauder deine Wange,
Die Purpur-Wange deckt? –

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? – –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Ich bin nicht schön
– so spricht die Sternenblume –,
Doch Menschen lieb ich
Und Menschen tröst ich –

Sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
Nach mir sich bücken
Ach! und mich brechen –
In ihrem Auge glänzet dann
Erinnerung auf,
"Erinnerung an Schöneres als ich: –
– ich seh's – und sterbe so." –

Dies ist der Herbst:
der – bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!

Friedrich Wilhelm Nietzsche
(1844 - 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

Quelle: Nietzsche, Nachgelassene Fragmente. Herbst 1884